Das Industrieland in den Bergen

Vom Hidden Champion bis zum Weltmarktführer: Tirols Industrie ist ein Beschäftigungsmotor und der wichtigste Impulsgeber für Forschung & Entwicklung – und damit der Garant für eine sichere Zukunft.

Im Sommer bei einer erfrischenden Bergwanderung die Seele baumeln lassen, im Herbst das Goldene Dachl in Innsbruck fotografieren, im Winter mit Apr`es Ski und Hüttengaudi in Ischgl feiern: Tirol verbinden die meisten Menschen im In- und Ausland mit perfekten Urlaubs- und Freizeitangeboten von Jänner bis Dezember.

Doch der Tourismus ist nur die Spitze des Eisbergs – besser gesagt, des Großglockners: Tirol ist ein Industrieland, das Heimat großer und bekannter Weltmarken, aber auch innovativer Start-ups und Hidden Champions ist. Vom Baukran bis zur Weihnachtsbeleuchtung: Made in Tirol ist rund um den Globus ein angesehener Gütesiegel. Das merkt man nicht nur in Wattens, Jenbach, Telfs oder Schwaz, wo die bekanntesten Betriebe der Tiroler Industrie ihre Headquarters haben – vielmehr in ganz Tirol. Im Bundesland gibt es mehr als 400 Industriebetriebe und selbst im Bezirk Kitzbühel werden nicht nur Hotels und Skilifte, sondern auch Industriehallen und Produktionsanlagen errichtet.

„Diese beeindruckende Stellung in einem Land, das hauptsächlich mit Tourismus in Verbindung gebracht wird, ist das Ergebnis harter Arbeit der Unternehmer und ihrer Mitarbeiter“, heißt es aus der IV-Tirol: Die Industrie ergänzt sich mit der Tourismusbranche hervorragend und ist gerade in Tirol für ihren schonenden Umgang mit Ressourcen und Natur und für ihren Fokus auf Nachhaltigkeit und die Erhaltung der Lebensqualität für künftige Generationen bekannt. Zurecht – denn wohl niemand würde dort Urlaub machen, wo die Umwelt nicht sauber und intakt ist.

70 Prozent Exportanteil

Das perfekte Miteinander hat einen historischen Hintergrund: Schon in jenem Zeitalter, als der Tourismus noch nicht erfunden war und sogar das Aufsuchen der nächstgelegenen Ortschaft einer gefährlichen Weltreise gleichkam, war Tirol ein florierendes Industrieland. Im 15. Jahrhundert beschäftigte etwa die Textil- und Bekleidungsindustrie in ihren Manufakturen Tausende von Menschen und war damit von ihrer Wichtigkeit mit der Landwirtschaft vergleichbar. In etwa zur selben Zeit entstand in Schwaz der erste industrielle Großbetrieb – im Bergbau.

Heute, fünf Jahrhunderte später ist Tirol ein Land industrieller Spitzenleistungen. Die Landschaft mag vielleicht die meisten Menschen nach Tirol bringen, wenn sie Erholung suchen. Die Industrie fällt nur dezent auf, ist aber in ihrer Leistungskraft unschlagbar: Hunderte Unternehmen von Nischenplayern über Hidden Champions bis hin zu bekannten Leitbetrieben sind heute auf dem Weltmarkt in Top-Positionen tätig – in den unterschiedlichsten Branchen. Die Industrie leistet mit einem Anteil von mehr als 20 Prozent einen sehr hohen Beitrag zur lokalen Wertschöpfung, dazu kommt ein besonders hoher Exportanteil: 70 Prozent der in Tirol hergestellten Waren werden exportiert – das entspricht einem jährlichen Absatz von zuletzt rund 70 Milliarden Euro, womit drei von vier Arbeitsplätzen durch den Außenhandel gesichert werden. Heute sind die wichtigsten Branchen Tirols:

– Chemische Industrie und Glasindustrie
– Maschinen- und Stahlbauindustrie
– Metall- und metallverarbeitende Industrie
– Holz- und Bauindustrie
– Elektro- und Elektronikindustrie
– Stein- und keramische Industrie

Quer durch alle Branchen überwiegt die kleinteilige Struktur: Nur die sechs größten Unternehmen in Tirol beschäftigen mehr als 1.000 Menschen. Doch nicht nur die Platzhirsche mit der größten Belegschaft zählen zu den weltweit bekannten Technologie- und Marktführern, sondern auch viele kleinere Industriebetriebe. Eine Folge des deutlich ausgeprägten Forschungsschwerpunkts: Wie Statistiken belegen, ist Österreichs Industrie seit vielen Jahren der stärkste Forschungsmotor des Landes. Das ist in Tirol nicht anders. Dort ansässige Industrieunternehmen investierten 2017 insgesamt 1,25 Milliarden Euro, davon kamen 577 Millionen Euro dem Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) zugute – das bedeutet, dass neun von zehn Euro für F&E in Tirol rein aus den Mitteln der Industrie kommen.

Im Fokus: Tirol

Erwerbstätige Einwohner: ca. 380.000
Anzahl der Beschäftigten in der Industrie: ca. 42.000
Anzahl Industriebetriebe: ca. 450
Anteil der Industrie an der Wertschöpfung: 28%
Beschäftigungsentwicklung 2008-2018: +14,6%
Anzahl der Cluster: 7

Quelle: IV-Tirol

Fokus auf Ausbildung

Zurecht, denn wer nicht mit Riesenschritten nach vorne geht, wird vom Mitbewerb überholt. Daher ist Ausbildung besonders wichtig – und das duale System kann auch in Tirol seine Vorteile voll entfalten. In den Industriebetrieben zwischen Ischgl im Westen und St. Johann im Osten Tirols sind rund 1.300 Lehrlinge beschäftigt. Knapp 100 Lehrbetriebe kümmern sich um die Ausbildung qualifizierter Fachkräfte im eigenen Unternehmen.

Die IV-Tirol ist daran interessiert, auch sogenannte MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sowie die duale Berufsausbildung als qualitativ hochwertige Ausbildung im vielfältigen Angebot zu positionieren. „In der Tiroler Industrie finden junge Frauen und Männer das, wovon viele träumen: Abwechslung, qualifizierte Arbeit und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten”, heißt es von der IV-Tirol. „Lehrlinge und damit angehende Facharbeiterinnen und Facharbeiter sind für unsere Betriebe das zentrale Rückgrat. Nachfrage gibt es auf allen Ausbildungsniveaus: Duale Berufsausbildung, Fachschule, HTL, Fachhochschule und Universität. Viele Unternehmen bilden ihren Nachwuchs auch selbst aus. In zentralen Bereichen wie Produktion, Technik, Forschung und Entwicklung wird es für Leitbetriebe und KMU immer wichtiger, den eigenen Bedarf zu decken.” Denn Arbeitskräfte von morgen sind die Basis der Industrie, um den Wohlstand und den Fortschritt nachhaltig abzusichern und die Prosperität für die kommenden Generationen zu erhalten – wie im Flachland, so auch über den Bergen.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.industrie4ö.at

Quelle: Die Presse, Ausgabe 11. April 2019
Autor: André Exner